Dritter Zukunftssalon Automotive bei Babtec: Weg vom Fahrzeugverkauf?

Im dritten bergischen Zukunftssalon Automotive, der in den Räumen des CAQ-Softwareherstellers Babtec stattfand, überraschte André Girnus mit neuen Geschäftsmodellen beim Fahrzeughersteller Mercedes Benz.

Wenn man André Girnus, seit 1999 beim Automobilhersteller Mercedes Benz beschäftigt, zuhört, könnte man meinen, dass dort der Fahrzeugbau zur Nebensache geworden ist. Und ein Stück weit stimmt das auch, denn Girnus ist nicht in Stuttgart, sondern in Berlin tätig, und zwar bei dem Tochterunternehmen „Mercedes-Benz Vans Mobility GmbH“. Und dort wird vor allem über eines nachgedacht: über Mobilität. Aber deren Ausgangspunkt ist nicht unbedingt der Besitz eines eigenen Fahrzeugs. Das ist für den Konzern etwas Neues, denn die GmbH wurde gerade einmal im September 2016 ins Handelsregister eingetragen.

Inhaltlich geht es im Berliner Büro – das sich auch optisch vom Mutterkonzern deutlich unterscheiden soll – um die Themen Urbanisierung, also dass immer mehr Menschen in Städten leben (wollen), Digitalisierung, die das Leben möglichst leichter machen soll, Individualisierung, die nicht mehr auf Massenware, sondern auf einzeln zugeschnittene Produkte setzt, sowie um Nachhaltigkeit mit dem Blick darauf, dass die Ressourcen nun einmal endlich sind.

Denn genau diese vier Themen, oder auch „Megatrends“, wie sie Girnus nennt, machen auch vor dem Thema Transport keinen Halt, wie man vor allem in den USA sehe. So werden Pakete nicht mehr nur von Logistik-Unternehmen ausgefahren, sondern auch von „Uber“-Fahrern, die schon den Taxi-Unternehmern Konkurrenz machen. Und die sogenannte letzte Meile von den Hauptstraßen zu den Anwohnern erfolge bereits über Drohnen und ähnliches, statt mit Fahrzeugen. Dahinter stehen Unternehmen, die weder eigene Fahrzeuge entwickeln noch vorhalten, wie Uber zeigt: Dort wurde nur die Software hergestellt, die es Privatmenschen erlaubt, mit ihrem eigenen Fahrzeug als registrierte Taxifahrer zu arbeiten. Haben sie gerade keine Fahrgäste oder müssen sowieso zu einem bestimmten Ort, können sie auch gleich Pakete mit ausliefern, so die Idee. Informationen erhalten sie dabei aus der Software, die alles koordiniert. Aber: Auch die Verantwortung inklusive Risiken und Kosten wird vom Unternehmen auf die Softwarenutzer übertragen.

Aus der Vergangenheit lernen

Für die „Vans Mobility GmbH“ stellt sich dabei die Frage, was diese Entwicklung für die Autohersteller bedeutet. Denn dem Unternehmen stehen viele negative Beispiele vor Augen, etwa Kodak als Weltmarktführer für Fotografie und Nokia als solcher im Bereich der mobilen Telefone, die beide von Unternehmen überholt wurden, die aus völlig anderen Bereichen kommen. Und diese Entwicklung gehe weiter, so Girnus: So kommen immer neue Wettbewerber auf den Markt, etwa die sogenannten Fintecs im Bereich der Finanzdienstleistungen oder „Airbnb“ im Tourismus-Bereich, die Geschäftsmodelle anbieten, die etablierte Unternehmen noch gar nicht entdeckt haben. Auch das „Google-Car“ ist so ein Beispiel, welches in diesem Fall die Autohersteller angreife, wie es der Mercedes-Mitarbeiter formuliert. Deshalb müsse die zweite Frage lauten: Was kann man von solchen Unternehmen lernen?

Eine Rolle bei diesen Betrachtungen müssen aber auch die (neuen) Rahmenbedingungen spielen, denn junge Großstädter haben heute immer seltener ein eigenes Fahrzeug. Was also will der Kunde? Zum Beispiel ein Angebot, bei dem man immer auf das Fahrzeug zurückgreifen kann, das man gerade benötigt, also für den Alltag einen Kleinwagen, für den Umzug den LKW und für den Urlaub ein familientaugliches Fahrzeug. So zumindest könnte eine Antwort lauten. Das kann man dann zum Beispiel über andere Unternehmen anbieten – allerdings mit der Gefahr, dass die eigene Marke immer mehr in den Hintergrund tritt und der Kunde damit jederzeit verloren gehen kann. Man könne aber auch mit anderen Unternehmen kooperieren, indem man sich an ihnen beteiligt oder sie komplett übernimmt. Und genau das ist laut Girnus die Strategie von Mercedes Benz, denn nur so könne man den Kunden an sich binden und ihm individuelle Angebote machen.

Denkfreiheit schafft neue Wege

Aber das ist nicht nur eine alleinige Entscheidung des Konzerns. So würden zum Beispiel Amazon und die Deutsche Post Mercedes Benz „vor sich hertreiben“, damit endlich ein elektrisch fahrender Transporter entwickelt werde, bekennt Girnus. Eine Variante wäre etwa ein Transporter mit Belade-Robotern oder Drohnen-Landeplatz auf dem Dach. Solche Ideen müsse man heute entwickeln, um Erfahrungen zu sammeln, mit denen man morgen noch mitmischen könne. Das benötige jedoch eine gewisse Denkfreiheit, die man bei Mercedes sonst eher nicht habe, so Girnus. Deshalb die GmbH-Gründung, die bis zum Einkauf völlig unabhängig vom Mutterkonzern sei; und deshalb auch der Sitz in Berlin, weit weg von Stuttgart.

Und was für Ideen sind im ersten halben Jahr entstanden? Zum Beispiel diese, eine eigene Flotte für die Vermietung anzubieten. Damit könne man den Weg über einen Anbieter wie Car-Sharing-Unternehmen umgehen, die sich in der Vergangenheit eher wenig markentreu gezeigt hätten. Ab Mitte dieses Jahres könne man damit auf dem Markt sein. Kunden sollen sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen sein, deren Fuhrpark immer mal wieder ausgelastet ist – und sie dann Fahrzeuge auf Zeit dazumieten können. Im Blick habe man aber auch Kunden, die Fahrzeuge längerfristig mieten möchten, welche dann aber auch nach deren Wünschen gebaut würden.

Eine weitere Idee ist, eine Plattform zu entwickeln, auf der Privatleute ihre Fahrzeuge vermieten können, wenn sie diese gerade nicht benötigen. Das könnte zum Beispiel der Transporter sein, der nachts nicht benötigt würde. In den USA sei dies schon eine gängige Variante, unter anderem, um Fahrzeuge zu finanzieren, die man sich ansonsten nicht leisten könne. Möglich sei aber auch, das Flottenmanagement für andere Unternehmen und Initiativen zu übernehmen. Derzeit laufe dafür ein Pilotprojekt mit der Berliner Tafel. Dazu gehöre, anzuzeigen, wann und wo etwas abgeholt werden könne – und dies möglichst einem Fahrer beziehungsweise Fahrzeug zuzuordnen, welches sich gerade in der Nähe befindet. Mitgeliefert werde die Route, zum Beispiel unter den Gesichtspunkten Stau oder spritschonende Wege. Zur besseren Auslastung der Flotte gehören dabei auch die Messwerte Fahrzeuggröße, Größe der Lieferung, ob die Waren gekühlt werden müssen und vieles mehr.

Girnus‘ Empfehlung an die Vertreter der bergischen Automobilzuliefererindustrie: Nicht daran festhalten, was das Unternehmen einmal groß und stark gemacht hat. Dabei sei auch wichtig, nicht den Profit, sondern vielmehr den Sinn des Tuns in den Mittelpunkt zu rücken. Hilfreich könne dabei sein, auf neue Arbeitsformen wie das Netzwerk-Arbeiten zu setzen, bei dem Teams aus unterschiedlichen Bereichen bei einem Projekt ständig zusammenarbeiten.

Gehe man diesen Weg, müsse man aber auch Entscheidungen, die dabei getroffen wurden, akzeptieren – auch wenn sie in der Chefetage so vielleicht nicht gefallen wären. Und wer es könne, sollte sich ruhig eine „Spinnerabteilung“ leisten, in der man völlig unbefangen denken könne und im besten Fall neue Geschäftsmodelle entstehen. Für Stephan A. Vogelskamp als Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft stellt sich parallel dazu die Frage, wie die bergischen Unternehmen in diesem Sinne zusammenarbeiten können, um am Markt zu bleiben, statt Entwicklungen zu ignorieren. Genau da wolle die Bergische Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft weiter ansetzen.

 

Autorin: Silke Nasemann, Redaktion Bergische Blätter

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